Zurück in Skopje oder das anhaltende Erstaunen darüber, dass es mich gen Osten zieht 

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Oops, I did it again – Ich bin zurück. Für fünf kurze Wochen lebe ich erneut in Skopje, Hauptstadt Mazedoniens (der Republik Nordmazedonien seit Neustem). Diesmal befindet sich das Land nicht mehr bis zum Hals in einer Staatskrise (hier geht’s zu meinen Blogposts zur Lage der Nation 2017), besonders rosig sind die Zeiten dennoch nicht.

Skopje, das kann ich nicht anders sagen, ist nicht direkt ein zauberhaftes Winterreiseziel. Die Stadt trägt viele zweifelhafte Titel: Die Hauptstadt des Kitsch, skurril und korrumpiert, voller abgekupferter Wahrzeichen und die dreckigste Stadt Europas dazu. Tags ist der Himmel gelb vom dreckigen Smog, der aus alten Autos pufft, von schwarzem Kohlerauch, der sich aus Schornsteinen in die tief hängenden Dreckwolken zieht und von verbranntem Holz und Müll. Nachmittags wird es früh dunkel und ein schwerer Gestank legt sich über die Stadt, deren alte – und neue – Gebäude jederzeit auseinanderzufallen drohen. Auch ein Blick auf die Politik zeichnet kein besseres Licht. Selbst wenn Mazedonien in den letzten Monaten international viele positive Schlagzeilen geschrieben hat (klarer EU-Kurs, Bulgarisch-Mazedonischer Freundschaftsvertrag, eine Lösung im griechisch-mazedonischen Namensstreit), so sind doch die nationale Demokratisierung und Innenpolitik auf der Strecke geblieben. Die großen Hoffnungen, die nach dem – kurzzeitig gewaltvoll ausartendem – Regierungswechsel in die neue Regierung gesteckt wurden, konnten von der Koalition aus der Partei SDSM und der albanischen Partei DUI  nicht erfüllt werden. Die SDSM nennt sich sozialdemokratisch auf dem Papier, doch dieses Attribut scheint doch eher willkürlich gewählt, DUI war bereits in der vorangegangenen, autoritären Regierung Koalitionspartner.

Die neue Regierung, die sich wie gesagt ganz klar zur EU bekannt hat, steht unter Druck: Bis zum nächsten EU-Ratstreffen muss sie beweisen, dass sie es ernst meint mit ihren Reformprogrammen. Ansonsten wird die EU sich schwer tun, die Aufnahmegespräche mit Mazedonien zu beginnen, bevor Brüssel dann in die letzte Phase des Europawahlkampf einsteigt. Und ehe man dann dort nach Wahlen, neuer Kommissionbildung und dem anhaltenden Brexitchaos den Kopf wieder frei hat für dieses kleine Land auf dem westlichen Balkan – das kann dauern. Und es ist weit bekannt, dass sich politische Prognosen für diese Region Europas äußerst schwer aufstellen lassen – innerhalb von Wochen kann das Unvorstellbare geschehen.

Doch nun zu mir – warum mache ich das? Warum reise ich im Januar in diese versmogte, triste Stadt? Es ist Teil meines sich langsam dem Ende nahenden Studium. Im Rahmen meines Masters für Zentral- und Osteuropastudien in Krakau arbeite ich fünf Wochen in dem mazedonischen Think Tank „Institut für Demokratie ‚Societas Civilis‘ Skopje“ zu verschiedenen Themen im Kontext der Europäischen Integration des Landes. Dabei eröffnen sich mir wunderbare Perspektiven auf die öffentliche Meinung im Land und ich habe die Möglichkeit, tiefer in die Materie der EU-Erweiterungspolitik einzusteigen. Gleichzeitig habe ich im zwischenmenschlichen Austausch die Chance, ganz verschiedene Perspektiven auszutauschen.

Obwohl Mazedonien an sich nicht fernab der Europäischen Union liegt und das Land dank WizzAir auch mit Deutschland beispielsweise ganz wunderbar verbunden ist (ich würde fast behaupten, dass es unkomplizierter ist, von Skopje in meine deutsche Heimat zu kommen, als von Krakau), fehlt es an Austausch auf Augenhöhe zwischen dem Westen und dem Balkan. Es scheint oft außer Frage zu stehen, dass die Europäisierung (Übernahme europäischer, liberaler Werte inklusive Gleichberechtigung, Nachhaltigkeit und tiefgehender demokratischer Strukturen) des Balkans der große Heilsbringer für die Region ist. Die Balkanisierung (politisches Schlagwort, das für die Zerstückelung größerer politischer und wirtschaftlicher Gebilde steht) Resteuropas dahingegen ist der Alptraum aller überzeugten Europäer*innen und hängt wie ein Damoklesschwert über der krisengebeutelten EU.

Und dieser allgemeinen – manchmal besorgt-bevormundend, manchmal trotzigen – Wahrnehmung und Kategorisierung des Wir gegen die folgend, erscheint es als allzu kurios, dass ich freiwillig die östlichen Grenzen Deutschlands übertrete, um mich mit Demokratien und Gesellschaften in Krise zu beschäftigen.

„Alle meine Freunde gehen nach Deutschland und du kommst her“, sagte ein mazedonischer Bekannter. „Die Frage ist nur – sind sie komisch oder du?“ Es war eine rhetorische Frage und leicht zu erraten, dass er findet, ich sei komisch.

Als ich in Frankreich gelebt habe, ist mir das nie passiert. Dieses Unglauben (von Franzos*innen und allen anderen gleichermaßen), dass ich tatsächlich aus freien Stücken dieses Land und diese Sprache für mich auserwählt habe. Nie hat jemand den Kopf geschüttelt, nie sagte jemand daheim: „Das ist aber mutig.“ Alle waren hellauf begeistert, ich weniger – aber das ist eine andere Geschichte (–> und zwar hier).

Wenn wir uns östlich der deutschen Grenze bewegen, gibt es viele Fragen, die noch nicht ausreichend beantwortet wurden, die vielleicht noch nicht einmal umfassend gestellt wurden. Je weiter wir uns weg bewegen von den deutschen Grenzen – und vielleicht sogar von der inzwischen nur physisch unsichtbaren innerdeutschen Grenze – desto fremder erscheint Europa vielen von uns. Es scheint, so häufig die Schlussfolgerung, nur die eine Lösung zu geben: eine Annäherung an das, was wir im Westen Europas für uns als die richtige Form des Miteinander-Lebens und des Staaten-Führens entwickelt haben.

Während meines Bachelorstudiums habe ich gemerkt, dass ich Zentral- und Osteuropa nicht auf die gleiche Art und Weise begreifen kann, wie mir das mit westeuropäischen Staaten und Gesellschaften möglich ist. Es war also eine rein logische Entscheidung, für das Studium nach Polen zu gehen. Ich wollte vor Ort lernen, mir das Land von Polinnen und Polen erklären lassen.

Es ist auch eine rein logische Entscheidung, jetzt in Mazedonien zu sein. In meiner wissenschaftlichen Forschung beschäftige ich mich mit EU Außenpolitik, im Besonderen im Bezug auf EU Erweiterungspolitik. Mazedonien befindet sich derzeit in einer sehr spannenden, aber auch kritischen Phase. Das Land wird in letzter Zeit oft als Vorbild in der Region gehandelt, nachdem es 2017 seine große politische Krise und Deadlock-Situation überwunden hat und auf Reformkurs gegangen ist. Bisher scheint aber die Regierung nicht zu liefern, was sie bei Antritt versprochen hat und ein Beginn der EU-Beitrittsverhandlungen ist nicht so selbstverständlich wie es manchmal erscheint. Das Land muss mehr verändern, als seinen Namen, um als EU-Mitglied in Frage zu kommen.

Ich kann Nachrichten verfolgen, Analysen lesen und mit Freunden sprechen – doch um einen wirklichen Eindruck von der Atmosphäre und Situation im Land zu bekommen, ist es unausweichlich, dass ich mich einige Wochen vor Ort aufhalte. Zentral- und Osteuropa, und auch Südosteuropa sind uns – aus rein geographischer Sicht – näher, als wir im Westen es häufig wahrhaben. Was in diesen Regionen geschieht, betrifft uns alle, so eng sind wir in der Europäischen Union miteinander verwoben. Bisher sind die Beziehungen jedoch einseitig, oft bevormundend.

Nichts zeigt das mehr, als das regelmäßige Erstaunen, das mir begegnet, dass ich als Deutsche mein „wunderbares“ Heimatland eintausche gegen ein – und sei es nur übergangsweise – Leben in Polen, oder sogar – Gott bewahre – Mazedonien.

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