Ein Wochenende in Prag

Ein langes Wochenende in Prag mit Freund*innen, darauf habe ich mich lange gefreut. 2011 war ich bereits einmal in der tschechischen Hauptstadt an der Moldau gewesen, was damals mein erster eigener Städtetrip außerhalb von Deutschland war. Ich war voller Spannung gereist, doch nach einigen Tagen in der Stadt konnte ich den Hype um Prag nicht verstehen. Fairerweise muss man dazu sagen, dass ich mehr von Prag bei Nacht, als Prag bei Tag gesehen habe und als Newbie nicht wusste, dass die touristischen Hotspots nur eine Seite einer Stadt sind (und dazu oft eine künstlich konservierte Vorstellung der angeblich authentischen Kultur des Landes). Es brauchte diesmal nur zwei Stunden in Prag und ich war bereit, alle alten Erinnerung über den Haufen zu werfen und mich ganz neu einzulassen.

Da wir mit dem Nachtzug morgens um halb acht in Prag ankommen, können wir die Altstadt früh erkunden. Uns versperren zwar vereinzelt Lieferwägen die Sicht, aber nicht eine einzige Reisegruppe. Wir müssen uns nicht mit unseren Rucksäcken durch Menschentrauben schieben und können einen Eindruck davon bekommen, wie schön Prag tatsächlich ist. Außer uns eilen nur ein paar Prager*innen vom Bahnhof zu ihrer Arbeit und hier und da lassen sich asiatische Brautpaare für die Zukunft ablichten. Der ersten Gruppe zielstrebiger Koreaner*innen begegnen wir um neun Uhr, aber da haben wir die Hauptattraktionen auf der östlichen Flussseite bereits abgeklappert, sind gemütlich über die Karlsbrücke geschlendert und sitzen zum Verschnaufen unweit der Lennon Wall auf einer Bank und frühstücken.

Eine Stadt für touristische Bedürfnisse 

Ich hatte Prag voll in Erinnerung. Auf der Flucht vor Menschenmassen war mir entgangen, dass nicht nur die Hauptattraktionen aus dem Mittelalter wie das Prager Rathaus mit seiner astronomischen Uhr und die Karlsbrücke voller katholischer Heiliger zum Staunen und Bewundern einladen. Stattdessen lohnt sich hier mit dem Kopf im Nacken durch die Straßen zu schlendern, um an jeder Fassade ein außergewöhnliches Detail zu entdecken. Überall sehe ich ein immer noch hübscheres Gemälde oder eine ausgefallenere Giebelverzierung.

Im morgendlichen Rausch verstehe ich nicht, warum Prag es nicht geschafft hatte, mich bei meinem ersten Besuch sofort zu entzücken. Die Auflösung des Rätsels war dann recht simpel.

Wir besuchen Prag mit einem befreundeten Paar, die später erst ankommen und so pilgern wir mittags erneut in Richtung der Altstadt. Es ist inzwischen 14 Uhr, die Sonne knallt unbarmherzig auf uns hernieder und ehe wir uns versehen, sind wir in einem Strom von Menschen gefangen, die sich eng und schwitzig durch die Straßen drücken. Auf einen Schlag ist alle Schönheit aus den alten Gemäuern verblasst, das Sightseeing ist nur noch stressig. Wir sind froh, als wir die Prager Burg und den weitläufigen Burggarten erreichen. Hier können wir kurz verschaufen, ehe wir neben dem beeindruckenden Veitsdom auf dem Areal der Prager Burg ein schattiges Plätzchen finden. Hier lassen wir uns einen Moment nieder und beobachten, wie junge Frauen ihre Partner durch die Burg jagen, um das perfekte gestellte Foto (für Instagram?) zu schießen und weniger junge Paare sich für 320 Kronen einen Aperol Spritz leisten (Das sind ca. 12,50€. Außerhalb der Altstadt kostet der Aperol im Schnitt 130 Kronen, also knapp 5€). Wir sind völlig geschafft und ich verstehe die Graffitis „no tourist“, die ich morgens in ausgestorbenen Gassen entdeckt hatte.

Das Stadtzentrum von Prag ist – rein architektonisch – nicht auf die Menschenmassen ausgelegt, die tagtäglich durch die Gassen jagen, doch ansonsten richtet sich alles nach den Wünschen und Bedürfnissen der stetig wachsenden Zahl an Übernachtungsgästen (laut Wikipedia waren es allein in Prag im vergangenen Jahr 7,6 Millionen Reisende, die mindestens eine Nacht blieben). Läden und Restaurants bedienen die Erwartungen derer, die auf der Suche nach böhmischem Glas, deftigem Gulasch und tschechischen Bier ein „authentisches“ Erlebnis erwarten. Dabei steht das Stadtzentrum, wie wir schnell merken, im krassen Kontrast zum Rest der Stadt.

Ein Beispiel ist Geld. Natürlich ist in der Altstadt alles signifikant teurer als anderswo (siehe Aperol Spritz), aber auch die Bezahlung läuft anders. Aus Deutschland sind wir es nicht anders gewohnt, doch in Prag sind wir überrascht zu entdecken, dass wir für viele Dinge Bargeld brauchen, beispielsweise um uns eines der inflationär angebotenen Trdelniks (in Krakau werden sie unter dem Namen Chimney Cake angeboten) zu kaufen, müssen wir uns tschechische Kronen beschaffen. Die Wechselkurse und Kommission bei den Geldautomaten sind halsbrecherisch: Im touristischen Kerngebiet gibt es nur Euronet-Geldautomaten. Geldautomaten der tschechischen Banken mit anständigen Wechselkursen finden sich dafür sobald man Praha 1 – das Stadtzentrum – verlässt. Außerhalb von Praha 1 ist es dann aber auch kein Problem mehr, alles mit der Kreditkarte zu zahlen, sofern man nicht gerade ein Schälchen Kirschen auf einem der kleinen Wochenmärkte kaufen will.

Dennoch sollte man nicht grundsätzlich einen großen Bogen um die Altstadt machen. Selbst in den Teilen der Stadt, die für den Tourismus ausgeschlachtet werden und wo es leicht ist, in eine Touristenfalle zu tappen, finden wir nette und gemütliche Ecken. Ganz zufällig stolpern wir zum Beispiel bei der Lover’s Bridge in ein gemütliches Café-Restaurant, nachdem wir aus einem anderen unhöflich weggescheucht wurden, da wir nur einen Kaffee trinken und nichts essen wollten. Interessanterweise sind es gerade die schönen und individuellen Cafés in der Altstadt, die die große Menge der Touristen eher abschrecken als anziehen. Vielleicht, weil das moderne Interior eher europäisch als tschechisch anmutet und die Neonkunst unter der Decke, die Zimmerpflanzen an den Wänden und der Man Bun des Baristas nicht das Verlangen nach dem vorgeblich authentisch anderen stillt?

Um das touristische Prag komplett abhaken zu können, besuchen wir auch das jüdische Viertel. Das jüdische Viertel von Prag ist überschaubar und im Gegensatz zu anderen zentral- und osteuropäischen Städten kein Zentrum einer alternativen Kunst- und Kneipenszene. Da hier die aufgereihten Souvenirstände und Fast Food Restaurants nicht zum Verweilen einladen, erkaufen wir uns für 350 Kronen den Eintritt zu dem ummauerten Gebiet des alten jüdischen Friedhofs und vier der fünf erhaltenen Synagogen. Die knapp 14€ lohnen sich nur, wenn man nicht auf jeden Cent gucken muss, aber unabhängig von einem Besuch empfiehlt sich ein Blick in ein Geschichtsbuch (oder Reiseführer, der die Geschichte garantiert kompakter darstellt). Prag verfügt über eine ausgesprochen umfangreiche Sammlung religiöser Gegenstände aus dem Judentum, was damit zusammenhängt, dass die Nationalsozialisten nach der Besatzung Zentral- und Osteuropäischer Staaten hier ein „Museum einer untergegangenen Rasse“ einrichteten, wo geplünderte Gegenstände ausgestellt wurden. Die Beweggründe dafür sind ungeklärt, aber nobel waren sie in keinem Fall. Dieser umfangreiche Schatz an Gegenständen konnte nach der Shoah an die massiv geschrumpfte jüdische Gemeinde zurückgeführt werden. Heutzutage wird das jüdische Museum von der Stadt verwaltet und ermöglicht Besucher*innen wie uns einen Einblick in jüdische Bräuche und das jüdische Leben in Prag, Böhmen und Mähren. Ein Teil der Ausstellung thematisiert den Holocaust und die Verfolgung jüdischer Menschen in Zentral- und Osteuropäischen Ländern und wir verweilten lange, bewegt und beklemmt, in der Pinkas Synagoge, in der in sauberen Buchstaben, dicht an dicht bis unter das Deckengewölbe, die Namen aller im Holocaust ermordeten Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen Tschechoslowakei geschrieben sind. Wir finden uns in einem Meer von Namen ohne Gesichter und können nicht verstehen, wie der weiße Chauvinismus wieder so viel Zulauf erleben kann.

Prag abseits des Massentourismus

In weiser Vorahnung, und auch weil wir keine Unsummen ausgeben wollten, hatten wir uns für ein Apartment außerhalb des Stadtzentrums entschieden und wohnen jetzt auf der westlichen Seite der Moldau kurz hinter dem wunderschönen Letnapark im ruhigen Stadtteil Bubenec. Der Park offenbart einen wunderschönen Ausblick auf die Türme und Dächer Prags und zeigt das Flusspanorama mit den vielen Brücken in seiner ganzen Pracht. Als wir bereits wieder im Zug zurück nach Krakau sitzen, sammeln sich am Fuße dieses Parks über 100.000 Demonstrant*innen, um gegen die korrupte Politik des tschechischen Premiers Andrej Babis zu protestieren.

Eigentlich hatten wir vorgehabt, ruhig zu machen und unser langes Wochenende vor allem in Cafés zu verbringen. Ehe wir uns versehen, haben wir bergab, bergauf alles zu Fuß erkundigt und, mit dicken Füßen und ziehenden Waden, geht es immer weiter. Sobald man die Altstadt verlässt, werden auch die zu laufenden Abstände immer größer. Der Letnapark erscheint mir fast wie eine Bastion gegen den Massentourismus. Vereinzelt laufen hier noch ausländische Ehepaare mit Reiseführern in der Hand herum, Familien aus aller Welt spazieren oder toben durch den Schatten und Backpacker wie wir durchqueren ihn mit Vorfreude auf die andere Seite. Aber Reisegruppen betreten nicht das Grün und alles, was dahinter liegt. Dabei wartet dahinter laut des Internets eines der „Coolsten Viertel Europas“. In Holesovice, lesen wir, blühe die Prager Hipsterszene. Hier gibt es alternative Kunst und Design, lokal-kreative Küche und in Cafés umgestaltete Fabriken. Online wird sowohl Holesovice, als auch ein anderer Hipster-Stadtteil Vrsovice, häufig mit dem hippen Berlin verglichen. Das weckt falsche Erwartungen. Wer sich – wie wir – in diese Viertel einfach reinstürzt, sollte gutes Schuhwerk mitbringen, denn um die coolen Bars, Cafés und Pop-Up Design Stores zu erkunden, braucht es Ausdauer. Einige Eckpunkte wie beispielsweise die Veverka Straße zum Shoppen, die Krymska Straße für Kneipenabende oder das Centre for Contemporary Art (DOX) für, nun ja, Contemporary Art vorher abzustecken, ist auf jeden Fall sinnvoll und erspart langes Herumirren bei schwülen 30 Grad. Wirkliche Kreuzberg-Vibes kommen dennoch nicht auf.

Dafür spüren wir ganz deutliche Friedrichshain-Vibes als wir unweit unserer Wohnung abends vor einer unaufgeregten Weinbar an Klapptischen sitzen, tschechische Weine trinken und das Gelächter und Geplapper der Gäste anderer Nachbarschaftskneipen zu uns hinüber schwappt. Ein perfekter Sommerabend in ruhiger, entspannter Atmosphäre, wo der Kellner nicht scheucht oder hetzt und die Umgebung Leichtigkeit und Entspannung verströmt. Vielleicht entwickeln sich die Kreuzbergvibes auch in Vrsovice nachts und wir, die um zwei tags auf der Suche nach einem urigen Café zum Stricken und Häkeln waren, sind einfach nicht hip genug für dieses Viertel (ich habe jedenfalls auch immer das Gefühl, nicht hip genug für Kreuzberg zu sein). Dass auch Cafés dort erst gegen vier Uhr am Nachmittag öffnen, deutet auf jeden Fall in diese Richtung.

Begeistert sind wir aber trotzdem, denn wenn wir vielleicht auch nicht hip sind – Hipster sind wir allemal (immerhin suchen wir nachmittags nach einem Café um in aller Öffentlichkeit unseren Handarbeiten nachzugehen. Da wir in die Kategorie „Oma“ nicht passen, müssen wir ja Hipster sein). Daher erfreuen uns an Zero Waste Läden, nachhaltiger Mode tschechischer Designer*innen, hausgemachten Limonaden, mediterran-arabischer Küche, regionalem Gemüse und Biofleisch. In den Hipstervierteln Prags wird Wert auf Nachhaltigkeit gelegt und – leider erst am letzten Tag – entdecke ich den Prag Green City Guide, der nachhaltige Läden, Labels und Cafés in Prag vorstellt. Für unseren nächsten Besuch in Prag kommt der auf jeden Fall ins Gepäck. Und ein nächster Besuch kommt bestimmt, denn jetzt wo wir alle Postkartenmotive abfotografiert haben, können wir uns voll und ganz auf den Rest von Prag konzentrieren – und der hat viel zu bieten, vor allem aber viele Orte für Lässigkeit und Entspannung.

Außerdem:

Wer nicht so lauffreudig ist wie wir, aber dennoch Lust auf Sightseeing hat, steigt am besten in die Straßenbahn Nummer 23, wo ein einfaches Nahverkehrsticket genügt, um alle zentralen Stationen abzuklappern.

Den Prague Green City Guide gibt es als E-Book oder Taschenbuch online zu kaufen. Auf der Facebookseite des Buchprojekts stellt die Autorin außerdem regelmäßig neue oder besonders schöne Cafés, Kneipen, Restaurants oder Projekte vor.

Ausprobiert und für gut befunden

Vnitroblock. Schuhe, Street Art, moderne Kunst, Eiskaffee und Limonade – hier ist für jede*n etwas Dabei.

Bullerbyn. Mit Sofa und Sesseln zum Stricken und feinen Cocktails für gemütliche Abende.

Bohéme. Urig und gemütlich. Hier geht’s nicht um eine komisch konservierte Darstellung böhmischer Kultur, sondern um die Bohemian Vibes intellektueller Rebellen.

Jam & Co. Asiatische Fusion Kitchen. Wir fanden’s lecker. Die Krymska Straße lädt abends mit zahlreichen Cafés, Restaurants und Kneipen zum Pub Hopping ein – sagt das Internet, wir standen am frühen Nachmittag leider vor vielen verschlossenen Türen.

Zahorsky Café. Absolut überwältigender Brunch, mehr muss man gar nicht sagen.

Pauseria. Hipster Vibes in der Altstadt. Der Schwerpunkt liegt auf Kaffee, aber sie kriegen auch Grüntee hin, was wirklich eine Leistung ist.

Cocovan & Cocovanka. Love, Peace und superfeine Limonade unweit der Karlsbrücke und dem Franz Kafka Museum. Liegt an den Ausläufern der touristischen Hauptschlagader, aber ist dennoch entspannt und nicht überfüllt.

Velkoprevorsky Mlyn. Süße Einrichtung, leckere Getränke (der Apfelstrudel am Nebentisch erschien auch sehr verlockend) und herrlich kühle Luft durch ständigen Wassernebel.

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